Stress-Situationen für den Schiedsrichter (... und der Umgang damit)

Spielcharakter

Der Charakter eines Spiels – der im Laufe einer Begegnung natürlich auch wechseln kann – ist entscheidend dafür verantwortlich, wie viel Arbeit der Unparteiische hat und welchen Stress-Situationen er ausgesetzt ist. Wie sich ein Spiel entwickeln wird, steht in aller Regel vorher nicht fest. Dennoch gibt es natürlich Anhaltspunkte:

  • Lokalderbys lassen meistens Spannung und Dramatik vermuten. In jedem Fall genießen sie – häufig unabhängig vom Tabellenstand der beiden Mannschaften – eine besondere Aufmerksamkeit, eine größere Zuschauerresonanz und daher eine höhere Bedeutung.

  • Die Tabellensituation kann ebenfalls massive Auswirkungen auf den Spielcharakter haben – wer steigt schon freiwillig ab oder gibt ohne Not seine Aufstiegschancen preis?

  • Auch die Platzverhältnisse können sich auf ein Match auswirken: Ist der Boden beispielsweise glatt oder tief, ändert sich das Zweikampfverhalten der Spieler; für den Schiedsrichter ist es dann oft nicht so einfach, ein Foulspiel von einem Ausrutscher zu unterscheiden.

  • Gab es Vorkommnisse bei früheren Spielen, können diese eine Partie selbstverständlich beeinflussen. Das gilt sowohl für Reibereien zwischen den beteiligten Teams als auch für den Schiedsrichter: Gab es beim letzten Spiel der Mannschaft A oder B, das der Unparteiische geleitet hat, Ärger mit ihm (gleichgültig, ob berechtigt oder nicht), wird er möglicherweise nicht so entspannt in die Begegnung gehen.

  • Auch andere Besonderheiten können eine Rolle spielen, etwa ein Trainer- oder Spielerwechsel von der einen beteiligten Mannschaft zur anderen oder Streitigkeiten im Vorfeld des Spiels.

Der Unparteiische sollte diese Punkte in der Vorbereitung des Spiels berücksichtigen, aber nicht überbewerten. Keinesfalls sollte er davon ausgehen, dass es in jedem Fall „zur Sache geht” bzw. auf keinen Fall „etwas anbrennt” – denn sonst amtiert er vielleicht zu kleinlich, oder er ist überrascht, dass die Partie doch nicht so harmlos verläuft, wie er es erwartet hatte. Oft werden in den ersten 15 bis 20 Minuten eines Spiels die Weichen für den weiteren Verlauf des Matches gestellt. Diese Anfangsphase wird gerne als „Zeit des Schiedsrichters” bezeichnet. In diesem Zeitraum ist es besonders wichtig, Zeichen zu setzen und eine gewisse Linie für die Spielleitung vorzugeben. Der Referee muss also von Beginn an hellwach sein. Insbesondere sollte er auf folgende Punkte achten:

  • Unterschiedliche Spielertypen und -charaktere,
  • Pärchenbildung (z.B. Vorstopper – Mittelstürmer, Linker Verteidiger – Rechter Außenstürmer),
  • Gesamtatmosphäre auf dem Platz,
  • Beeinflussung von außen (Trainer, Betreuer, Zuschauer),
  • Taktik der Spieler (aggressiv/abwartend).

Der Schiedsrichter kann durch seine Persönlichkeit maßgeblich den Spielverlauf prägen. Die Spieler (aber auch die Trainer und die Betreuer) müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wichtige Charaktereigenschaften eines guten Referees sind vor allem:

  • Korrektheit im Umgang mit den Spielern,
  • Ruhe und Gelassenheit,
  • sachliches, aber bestimmtes Auftreten,
  • einheitliche Regelauslegung,
  • Blick für das Wesentliche,
  • flexible Anwendung seiner Möglichkeiten.